Andreas Renner im Interview

Der Start der NFL-Saison 2019 ist nur noch ein paar Tage entfernt. Endlich gibt es wieder „jeden verdammten Sonntag“ die volle Ladung Football, die NFL RedZone und was wir sonst noch so alles über die vergangenen Jahre lieben gelernt haben. Ich konnte vor dem Start in die neue Spielzeit mit einem Mann sprechen, bei dem ich am Fernseher viel vom Spiel gelernt habe – damals, als die NFL noch bei Premiere lief. Andreas Renner hat sich die Zeit genommen, heute bei DAZN tätig und schon über 20 Jahren am Ball.

Andreas Renner

Andreas Renner hat 1996 mit der NFL im Fernsehen angefangen. Seit einem Jahr gehört er zum Team von DAZN. Ich kenne ihn noch aus den Anfängen der Football-Übertragungen in Deutschland – Mitte der 1990er Jahre. Mit ihm habe ich über seinen Job gesprochen, seine Vorbereitung auf ein Live-Spiel, was sein Lieblings-Team aus Kalifornien schaffen kann und ob Tom Brady wieder den Super Bowl holt. Das Interview mit Andreas Renner gibt es hier zum Lesen und zum Anhören.

Andreas, schön dass du dir die Zeit nimmst. Willst du zum Einstieg vielleicht einfach mal erzählen, wie du zum Football gekommen bist?

Zum Football gekommen bin ich im Rahmen meines Studiums. Ich war Amerikanistik-Student im Hauptfach und habe dafür ein Jahr in Chico in Kalifornien verbracht. Das war 1991/92. Vorher habe ich eigentlich wenig Ahnung vom Football gehabt – habe aber gedacht: Naja, ich kann mich ja mal mit dem befassen, was die „Eingeborenen“ hier so interessiert. Das habe ich dann auch gemacht und viel gelernt. Über US-Sport im Allgemeinen und Football im Speziellen. Dann hatte ich den großen Vorteil, als ich zurückgekommen bin und in Mainz weiter studiert habe, war das ganz in der Nähe der Wiesbaden Airbase. Da konnte ich AFN über Antenne empfangen. Ich habe mir dann einen kleinen Adapter für meinen Fernseher gebaut und konnte dann jeden Samstag 5 College Football-Spiele gucken und am Sonntag 3 NFL-Spiele und alles andere, was es sonst noch so gab. Das war dann quasi meine Ausbildung. 1996 war ich dann mit dem Studium fertig, habe dann erst bei einer Zeitung in Mainz gearbeitet. Danach habe ich ein Praktikum gemacht bei Frankfurt Galaxy – dem NFL Europe Team – damals hieß es noch World League. Darüber kam dann der Kontakt zum DSF zu Stande und da war ich dann auch erst Praktikant und habe ab Herbst 1996 angefangen zu kommentieren.

Das waren die Aufbruch-Jahre und Andreas Renner „mitten drin, statt nur dabei“. Welcher war der tollste Moment?

Ich weiß nicht, ob ich das wirklich an einem Moment festmachen würde. Aber wir hatten schon zu Zeiten der NFL Europe – als wir mit dem DSF jeden Samstag Abend ein Live-Spiel aus den Stadien hatten – die Möglichkeit nah dran zu sein. Das auch wirklich bei allem, was dort stattfand. Ob das Training war, Zugang zu den Coaches, wir waren bei den Produktions-Meetings von FOX dabei. Das war der Schritt wo man wirklich viel lernen konnte für den Rest des Lebens.

Habt ihr damals auch schon live aus den USA gesendet?

In den goldenen Zeiten später bei Premiere haben wir 2 oder 3 Jahre hintereinander tatsächlich die Championship Games und den Super Bowl vor Ort kommentiert. Ich war in St. Louis beim Sieg gegen die Tampa Bay Buccaneers und dann beim Sieg der Rams gegen die Tennessee Titans – das war 2000. Ein Jahr später war ich dann in Oakland beim Halbfinale und beim Super Bowl in Tampa, als die Baltimore Ravens die New York Giants geschlagen haben.

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Das ist also schon sehr lange her. Aber es waren auch die Zeiten, wo wir richtig groß berichterstatten konnten, weil da hatte Leo Kirch schon Premiere gekauft. Wir waren die Sportredaktion für die komplette Kirch-Gruppe. Wir hatten die Football-Sendungen zu verantworten gehabt für DSF, Premiere, Sat1, Pro Sieben und was noch so daran hing. Dazu hat auch gehört, dass wir in der Saison-Vorbereitung auch Reisen in die USA gemacht und Material gedreht haben. Das war damals schon intensiv. Dann kam auch noch die NFL Europe dazu. Da konnte man schon einplanen 3 Mal im Jahr eine Reise in die USA zu machen, um eben auch dabei zu sein.

Klingt fast so, als hätte es schon mal einen großen NFL-Hype gegeben?!

Ich will das so gar nicht sagen. Wahr ist, dass es damals viele Sender gegeben hat, die etwas übertragen haben und wenn du ein Premiere-Abo hattest, konntest du mehr sehen auf Deutsch sehen als heute. Premiere hat etwas gemacht, DSF hat etwas gemacht, Sat1 hat etwas gemacht. Was sich aber niemals irgendjemand getraut hat ist, Football-Berichterstattung im frei empfangbaren Fernsehen. Das ist der Punkt, mit dem ran jetzt so einen großen Schritt nach vorn gemacht hat und wodurch die so populär geworden sind. Den Schritt hat damals nie jemand der Sache zugetraut. Aber man muss auch sagen: Wenn das die Hochzeiten waren, danach kam dann auch die Zeit, als es plötzlich einen Fernsehvertrag gab, wo niemand mehr die NFL auf Deutsch gezeigt hat und NASN die Rechte bekommen hat. Da kann man also auch sagen, das war der Tiefpunkt dieser Entwicklung.

Mittlerweile hat sich der Fernsehmarkt komplett verändert und Andreas Renner ist bei DAZN angekommen. Wie sieht da dein Alltag aus, wenn du kommentierst?

Ich muss dazu sagen, ich habe zwischenzeitlich sehr lange gar keine NFL kommentiert. Das hatte 2 Gründe: Das war natürlich der o.g. NASN-Deal und als es wieder NFL-Berichterstattung auf Deutsch gab, war ich fest im Team von sky als Fußball-Kommentator. Wir hatten damals einen Sportchef der gesagt hat: „Wenn ihr hier bei uns Fußball macht, dann dürft ihr sonst nirgendwo anders Sport kommentieren!“ Ich hatte auch Anfragen, aber ich durfte nicht. Ich bin jetzt seit letztem Jahr wieder dabei NFL zu kommentieren. Zwischendurch durfte ich allerdings viel German Football League machen und das mache ich auch jetzt noch.

Wie sieht jetzt der Alltag aus mit dem Kommentieren? Egal ob Fußball oder Football, ich versuche mir immer die letzten Spiele der beiden Teams vorher anzuschauen – mir auch Notizen zu machen über die Spielweise der Mannschaften. Ich versuche auch durch viel Lesen einen Allgemein-Überblick über die NFL zu bekommen – versuche mich auch spezifisch auf die beiden Teams vorzubereiten. Pi x Daumen gesagt hast du einen Arbeitstag an dem du das Spiel kommentierst. Und es dauert mindestens einen Arbeitstag sich vorzubereiten. Allerdings nicht ein Arbeitstag von 8 Stunden. Wenn du 2 Spiele schaust, bist du allein schon mit 4,5 Stunden dabei.

Die meisten Übertragungen sind nachts – wann schläfst du dann?

Um ein Beispiel zu bringen, ich habe vergangenen Freitag Preseason kommentiert für DAZN – das war auch um 2 Uhr morgens. Dann ist es so, dass ich am Donnerstag Abend nach München reise, ich lege mich vor dem Spiel auch noch mal für 2 Stunden hin, um etwas vorgeschlafen zu haben. Dann fahre ich gegen Mitternacht in den Sender, damit ich um 1 Uhr da bin und um 2 Uhr beginnt dann das Spiel. Bei mir war es jetzt so, dass ich am Wochenende noch andere Termine in München und in der Gegend hatte, so dass ich weiter geblieben bin. Ich habe am Freitag Abend z.B. Fußball-Bundesliga Zusammenfassung gemacht.

Kommen wir zur NFL-Saison 2019. Holt Tom Brady wieder den Titel?

Ich glaube, die New England Patriots werden wieder in der Verlosung sein. Ich erwarte aber auch seit Jahren, dass der Tag kommt an dem sie das Ding nicht mehr gewinnen. Ich sage so lange „Die gewinnen das nicht mehr“, bis ich irgendwann Recht habe. Der Tag wird kommen. Also ich glaube, dass die Patriots nicht Super Bowl Champion werden dieses Jahr!

Wer holt den Titel denn stattdessen?

Das ist immer die letzte Frage, die ich mir stelle. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass die beste Mannschaft im September nicht die beste Mannschaft im Februar ist. Alle Mannschaften machen Entwicklungen durch – Verletzungen beeinflussen sehr viel. Die Patriots sind ja das beste Beispiel. Wer hätte denn letztes Jahr im September/Mitte Oktober gedacht, dass die Patriots den Super Bowl gewinnen. Deswegen weiß ich nicht, ob es sehr sinnvoll ist sich darüber jetzt schon Gedanken zu machen. Vielleicht im Dezember hat man einen Eindruck davon, wer richtig gut ist und das auch über einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten kann.

Dein Lieblingsteam sind die San Francisco 49ers. Was erwartest du denn von denen?

Ich erwarte, dass sie in diesem Jahr den Schritt machen, den alle schon im letzten Jahr erwartet haben. Die Mannschaft ist jetzt schon besser aufgestellt als in der vergangenen Saison. Auch, weil sie 2018 viel Verletzungspech hatten und ganz viele junge Leute einsetzen mussten. Die haben sich alle verbessert und gesteigert in der Saison, auch wenn man es in der Endabrechnung nicht gesehen hat. Dazu kommt jetzt Jimmy Garoppolo zurück, sie haben ein paar Leute dazu geholt, die ihnen helfen. Plus eine Verbesserung in der Defensive Line.

https://twitter.com/49ers/status/1165414200811782144?s=20

Ich glaube, San Francisco ist in dieser Saison so aufgestellt, dass sie ernsthaft um den Divisions-Titel mitspielen können – oder an die Grenze der Playoffs herankommen können. Das alles auch nur unter der Bedingung, dass nicht das Verletzungspech wieder so zuschlägt wie im letzten Jahr. Da hat dann am Ende der dritte Quarterback und der vierte Running Back gespielt – und die ersten 3 Receiver waren auch verletzt. Wenn das wieder passiert, dann wird es halt nichts mit den Playoffs.

Natürlich wird in der Saison viel auf die Cleveland Browns geguckt – wegen OBJ. Wie schätzt Andreas Renner das Team aus Ohio ein?

Der Amerikaner sagt dazu: „Looks good on paper!“. Was die Sache in Cleveland unberechenbar macht: Du hast ein paar „große Persönlichkeiten“ mit Baker Mayfield, OBJ, man hat ein Head Coach, der nicht viel Erfahrung damit hat. Da ist, glaube ich, die Frage, ob es gelingt die Mannschaft zusammen zu halten – das es nicht „Ego-Shows“ werden, die sich am Ende bekriegen. Das sehe ich auf den ersten Blick als größte Gefahr. Ich hoffe es kommt nicht so. Es wird Zeit, dass Cleveland endlich mal wieder ein gutes Football-Team hat. Cleveland ist eine der wichtigsten NFL-Städte überhaupt. Aber leider hat man in den letzten 20 Jahren nicht viel davon gemerkt.

Auch auf Kyler Murray und die Arizona Cardinals werden viele gucken. Klappt es dieses Mal mit dem neuen Quarterback?

Ich bin gespannt auf dieses Experiment – es ist ein sehr mutiges Experiment. Die Cardinals haben ja schon im letzten Jahr einen Erstrunden Quarterback gedraftet. Den haben sie jetzt weggeschickt, um das mit Murray durch zu ziehen. Da hängt alles was sie haben mit dieser Person zusammen. Kliff Kingsbury wollte ihn unbedingt haben. Ich fürchte, wenn Kyler Murray nicht funktioniert, dann ist auch die Ära Kingsbury wieder schnell vorbei.

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Es wird auf jeden Fall interessant sein das zu beobachten. Aber ich würde mich schon wundern, wenn die Arizona Cardinals in ihrer Division dann am Ende eine ausgeglichene Bilanz oder sogar mehr hätten. Die Erwartung ist, dass das ein Aufbau-Jahr ist, in dem man sieht, da ist was. Und wenn die noch 1 oder 2 Jahre zusammen haben und die Mannschaft verstärken, dann reden wir irgendwann man. Es ist ja ohnehin das Motto der NFL: „Egal wie schlecht du bist, du kannst innerhalb von 3 Jahren um den Super Bowl spielen“. Aber eben nicht innerhalb von nur einem Jahr.

Gibt es denn etwas, auf das sich Andreas Renner besonders freut in der 100. NFL-Saison?

Wenn ich die Zeit hätte, ich würde mir jede Woche jedes einzelne NFL-Spiel anschauen. Aber es ist jetzt nicht so, dass eine Sache heraussticht – wo ich sage, das ist das eine Highlight. Ich finde, das die Spiele alle relativ gleichwertig sind. Beim Fußball würde man sagen, es gibt für jedes Spiel nur 3 Punkte. Beim Fooball gibt es nur ein „W“ für den Sieg und da ist der eine nicht wichtiger als der andere. Für mich sticht da jetzt auch nicht die eine Sache heraus, auf die ich mich besonders freue. Es sind immer interessante Themen dabei, mit Andrew Luck und Jakoby Brissett bei den Colts z.B. – wie gut wird der sich machen. Die Geschichte in Cleveland natürlich, die Cardinals und die 49ers. Das sind so die Themen, die mich bei Laune halten. Aber das ist nicht, was sich an einem Tag entscheidet.

Wie würde Andreas Renner mit einem Satz sagen, wie die Saison ausgeht?

Die Antwort ist ein eindeutiges: „Ich weiß es nicht!“

Vielen Dank an Andreas Renner und DAZN für das Interview.

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