Video-Beweis – es geht doch

Wenn in der Fußball-Bundesliga über den Video-Beweis gejammert wird, dann wird gerne die NFL als „Vergleichs-Sportart“ herangezogen. Im Profi-Football gibt es diese technische Unterstützung schon fast 20 Jahre. Gejammert wird so gut wie nie. Aber wie funktioniert der Video-Beweis in der NFL und warum hat er ein ganz anderes Standing als der „Keller in Köln“? Ich hab mir das mal angeguckt.

Video-Beweis

Quelle: operations.nfl.com

Der Blick ins offizielle „Rulebook der NFL“ ist immer wieder spannend. Auf gerade mal 89 Seiten wird das Spiel erklärt, was für Laien immer so kompliziert aussieht. Ab Seite 62 geht es um die „Coach’s Challenge“, so wird der „Video-Assistant-Referee“ – der VAR – in der Liga genannt. Die erste Regel dürfte allen bekannt sein:

Jeder Headcoach darf zwei Mal pro Spiel die „Rote Flagge“ werfen, um einen Spielzug überprüfen zu lassen. Dann gucken sich die Schiedsrichter die besagte Szene 60 Sekunden an und teilen das Ergebnis der „Challenge“ über die Außenmikrofone mit. War der Zweifel berechtigt, wird die Entscheidung auf dem Feld geändert. Hatten die Schiedsrichter Recht, wird dem Team ein Time Out aberkannt. Das kann gegen Ende des Spiels zum Nachteil werden, weil im Football jede Sekunde des Spiels zählt.




Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen, Einschränkungen und Spitzfindigkeiten. Die Challenge kann nur bei bestimmten Spielzügen eingefordert werden – z.B. bei der Frage ob ein Fang vollständig war oder ob der Ball den Boden berührt hat oder nicht. Auch zu beachten ist, dass das Team mindestens noch ein Time Out haben muss. Hat der Trainer beide Challenges in Anspruch genommen und beide Male auch Recht bekommen, gibt es eine dritte Challenge geschenkt – sofern noch die reguläre Spielzeit läuft.

Video-Beweis kann „teuer“ werden

Eine Challenge ist natürlich NICHT möglich, wenn das Team keine Time Outs hat, wenn weniger als 2 Minuten in der Halbzeit zu spielen sind oder etwa wenn es um ein Foul geht. Auch bei Touchdowns oder Turnovers ist keine Challenge möglich. Diese Spielzüge werden sowieso immer überprüft. Wenn ein Trainer eine rote Flagge wirft obwohl er es nicht darf, gibt es 15 Yards Strafe.

Soweit so gut. Aber warum wird das alles viel besser akzeptiert als der Video-Beweis in der Bundesliga? Das wird natürlich daran liegen, dass die NFL schon seit fast 20 Jahren dieses System nutzt. Anfangs werden auch nicht alle Beteiligten vor Begeisterung geklatscht haben. Unterm Strich zeigt sich auch, dass eine Challenge im Schnitt etwa einmal pro Spiel genutzt wird. Bei 256 Saison-Spielen ist das überschaubar.

Video-Beweis

Eine große Rolle bei der Akzeptanz des Video-Beweis in der NFL ist aber auch die Mentalität. Dass Spieler, Trainer, Uli Hoeneß-Doubles oder andere Funktionäre auf die Schiedsrichter zu stürmen, sich aufplustern und wild gestikulierend ihre Sicht der Dinge herausschreien, findet einfach nicht statt. Wenn aber doch jemandem die Sicherungen durchbrennen, fliegt man ganz schnell vom Platz, bekommt enorme Geldstrafen und wenn es zu laut wird, ist die Karriere auch mal vorbei. Football-Spieler können also auf gewisse Weise klarer denken als Fußballer.

Der Zuschauer ist Unterbrechungen gewöhnt

Auch die Einstellung des Zuschauers zum Video-Beweis ist in der NFL etwas anders. Ein Spiel dauert meistens um die 3 Stunden. Es sitzt dabei niemand die gesamte Zeit brav auf seinem Sitz und guckt aufs Feld. Beim Fußball konzentrieren sich Fans 2×45 Minuten und holen in der Halbzeit ein neues Bier. Bei der NFL ist viel mehr Bewegung. Hot Dogs, Popcorn, Nachos, Jumbo-Cola holen, Telefonate, Toilettenpause – all das wird nebenbei erledigt. Da stört so eine Challenge-Unterbrechung kaum.

Auch am Fernseher sind ständige Unterbrechungen des Football-Spiels völlig normal. Ob die Werbung kommt, weil jemand gepunktet hat, verletzt ist oder ob eine Challenge ausgewertet wird, macht kaum noch einen Unterschied. Beim Fußball muss der Reporter mit mehr oder weniger interessanten Storys die Pause überbrücken, bis der Schiri die Entscheidung aus Köln bekommen hat. Das kann schon mal nerven.

Wohin kann die Reise gehen?

Was aber aus meiner Sicht enorm hilft, sind die klaren Ansagen. Die NFL-Regeln sind definiert, es gibt kein „absichtliches Handspiel“ oder keine „unnatürliche Bewegung“. Es gibt Schwarz oder Weiß. Ende. UND: Der Schiedsrichter erklärt es allen – mündlich! Jeder weiß was los ist. Das könnte sich die Bundesliga gerne von der NFL abgucken. Selbst in der German Football Liga sind die Schiedsrichter mit Mikrofonen ausgestattet.

Aber auch die NFL wird sich weiterentwickeln. Einige Trainer fordern schon länger, dass jeder Spielzug überprüft werden kann. Vielleicht kommt auch der Chip im Ball? Lasertechnik könnte das ganze Feld so abdecken, dass alles automatisch überprüft wird. Vielleicht muss aber auch der Begriff Video-Beweis mal geändert werden. Ich denke dabei schon immer wieder an alte VHS Video-Kassetten…

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